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Freude am Leben trotz Horror im Heim

Mainzer Rhein Zeitung vom 24.12.2011

Mainz – Thomas ist vom Kopf ab gelähmt. „Ich bin glücklich“, sagt er. „Nur: Viele Leute glauben mir das nicht oder wollen mir das nicht glauben.“ Ein anderer Thomas, Thomas Vollmar, hat diese Szene für eine ungewöhnliche Dokumentation gedreht.

(Foto: Harry Braun)

„Wärst du lieber tot?“ heißt das Werk, das von der Produktionsfirma „Fortune Cookie“ aus Hamburg für das ZDF „Kleine Fernsehspiel“ produziert wurde.  Die Regisseurin Christina Seeland erhielt für den Film eine der höchsten Auszeichnungen, die die Branche zu bieten hat: den Deutschen Fernsehpreis.

„Das war ein absolutes Glücksgefühl, dass der Film so einen Preis gewonnen hat“, erzählt Vollmar. Zumal es sich nicht unbedingt um leichte Kost handelt. „Es ist tatsächlich eine harte Frage, die wir da stellen“, betont der Kameramann. „Wärst du lieber tot?“ – dazu äußern sich sechs schwerstbehinderte Menschen in einem Hamburger Behindertenheim. „Die Regisseurin Christina Seeland arbeitet selbst seit 15 Jahren dort. Anders wäre der Film gar nicht möglich gewesen. Unsere Protagonisten mussten ja Vertrauen haben, dass wir fair mit ihnen umgehen.“

Vollmar sitzt in einem Zimmer im Mainzer Medienhaus vor einem kleinen Fernseh- und zwei großen Computerbildschirmen. 2003 hat er zusammen mit Tidi von Tiedemann die Firma „Kontrastfilm“ gegründet und hier preiswerte Räume gefunden. Das junge Unternehmen produziert vor allem Industrie- und Werbefilme.

Jenes Engagement in Hamburg war für den 40-Jährigen ein Glücksfall. „Es ist schon toll, wenn Sie ein Jahr lang kontinuierlich an einer Sache arbeiten können.“

„Einen Betroffenheitsfilm wollte die Regisseurin auf keinen Fall drehen“, betont Vollmar, während er eine DVD einlegt. Szenen aus dem Heim sind zu sehen. Die Geräuschkulisse ist beunruhigend, die Einrichtung trist und funktional. „Es sollte was von dem Horror rüberkommen, den Leute verspüren, wenn sie in so ein Behindertenheim kommen.“ Schon bei den ersten Einstellungen wird deutlich, dass ein Kameramann im Dokumentarfilm nicht nur dokumentiert. Er komponiert, spielt mit Motiven und Bildern, mit Blickwinkeln.

„Ich habe nur mit zwei Scheinwerfern und einer kleinen Kamera gearbeitet.“ So tritt die Technik zurück hinter die Gespräche mit den Protagonisten. Es gibt keine stark ausgeleuchteten Szenen, keinen zusätzlichen Sprecher. Im Mittelpunkt stehen das Heim und die Antworten von sechs Menschen auf eine ungeheuerliche Frage.

„Es ist sehr schwer, auf der einen Seite Leid und Angst zu visualisieren, und auf der anderen Seite zu zeigen: Diese sechs führen ein lebenswertes Leben.“ Das aber ist gelungen, dafür gab es den Deutschen Fernsehpreis, das Gegenstück zum amerikanischen Emmy. Komik und Horror treffen sich in dem Film, Banales und Grundsätzliches. „Wärst du lieber tot?“ verführt mit allen filmischen Mitteln zu einem Thema, mit dem sich das Fernsehpublikum eher ungern beschäftigt.

Dass Vollmar diese Dokumentation viel bedeutet, muss er nicht extra sagen, es schwingt bei jedem seiner Kommentare mit. „Kontrastfilm“ gründete er einst auch, um solche und noch größere Projekte auf die Beine zu stellen. „Prinzipiell war unser Traum, dass wir langfristig Spielfilme drehen würden. Aber für eine frisch gegründete Firma in Mainz ist es schwierig, von einem Fernsehsender die Verantwortung für ein abendfüllendes Filmprojekt zu bekommen.“ Erst müssten Netzwerke wachsen, Kontakte gepflegt werden.

„Hinzu kommt, dass wir als Filmemacher in Rheinland-Pfalz Exoten sind. Dies ist das einzige Bundesland außer Mecklenburg-Vorpommern, wo es keine Filmförderung gibt.“ Die aber sei wichtig zum Anschub von Produktionen. „Filmförderung ist ein Grundbaustein, damit Filmemacher überhaupt zu einem Thema recherchieren können.“ Das fehlt im Land, während Förderungen im benachbarten Hessen oder in Hamburg zu bemerkenswerten Ergebnissen führen. „Wärst du lieber tot?“ ist eins davon.

Dennoch mausert sich „Kontrastfilm“ allmählich. Ausgezeichnete Kurzfilme produzierte die Firma schon. „Im nächsten Jahr kommt ein serielles Format fürs ZDF dazu“, freut sich Vollmar. Als Dozent an der Mainzer Fachhochschule sieht er allerdings weiter das finanzielle Elend. „Die Mediennachwuchsförderung wurde von 60 000 auf 30 000 gekürzt. Das ist für die FH ein Riesenproblem, weil die Studierenden kein Geld mehr für ihre Abschlussfilme haben.“

Im Hintergrund laufen derweil immer noch Szenen aus „Wärst du lieber tot?“, einem ausgezeichneten Film, der aus vielerlei Gründen wohl nur in Hamburg entstehen konnte. Ein Glücksfall für den Kameramann aus Rheinland-Pfalz.

Von unserem Mitarbeiter Gerd Blase


Infos im Netz:

www.christinaseeland.de

www.ThomasVollmar.de

www.fortunecookiefilm.com

www.daskleinefernsehspiel.zdf.de

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